Gesellschaftliche Integration ist das Ziel

„Schweißen“, sagt Robel Rusom Berhe und lacht. Schweißen macht ihm am meisten Spaß. „Lichtbogenschweißen, WIG-Schweißen, autogenes ­Schweißen – jeden Tag lerne ich Neues.“ Er mag es, wenn die Funken fliegen. Seine ­Augen leuchten. „Ich hätte nie gedacht, dass es so viele ­verschiedene Arten gibt, wie man schweißen kann – und so viele verschiedene Wörter dafür.“ Mit den Wörtern ist das so eine Sache. 

Robel Rusom Berhe ist 25 und absolviert bei ENTEGA die Ausbildung zum Anlagenmechaniker der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. In ­seiner Heimat Eritrea war er neun Jahre lang zur Schule gegangen, zuletzt mit dem Schwerpunkt Metalltechnik, bevor er aus seinem Land fliehen ­musste. In Deutschland fand er Aufnahme und Sicherheit, doch an die Stelle der gefahrvollen Flucht trat der eintönige Alltag in der Unterkunft. Die Sprache zu ­lernen war mühsam; sich im Behördendschungel zurechtzufinden, noch mehr. Was ist ein Jobcenter? Was tut ein Fallmanager? Im Falle von Robel Rusom Berhe ­jedenfalls das Richtige. 

„Eines Tages fragte er mich, ob ich mich bei ENTEGA bewerben will“, erinnert sich Robel Rusom Berhe. Dort gab es freie Plätze für eine Einstiegsqualifi­kation, kurz EQ. Solche und ähnliche Programme existieren schon lange. Sie wurden ursprünglich konzipiert, um jungen Menschen mit gebrochenen Bildungsbiografien zu helfen: Wer etwa den Schulabschluss verpasst hat, wegen persönlicher Beeinträchtigungen keinen Job findet oder aus anderen Gründen beim Einstieg ins Berufsleben scheitert, erhält hier eine zweite Chance. Gesellschaftliche Integration ist das Schlüsselwort. Im Sommer 2015, auf dem Höhe­punkt der jüngsten Fluchtbewegungen Richtung Europa, drängte sich eine logische Idee auf: Was die Integration der hier Geborenen fördert, ­müsste doch auch bei der Integration Geflüchteter helfen. Zum Beispiel im Aus-bildungszentrum der ENTEGA. Fünf EQ-Plätze konnte das Unternehmen zur Verfügung stellen. Robel Rusom Berhe ergriff die Chance und bewarb sich auf einen davon.

Findet kreative Lösungen: Robel Rusom Berhe aus Eritrea

Wenn die Chemie stimmt

2015: 5 Plätze für Flüchtlinge
2016: 6 Plätze für Flüchtlinge und 3 Plätze für sozial Benachteiligte

„Jeden Tag lerne ich Neues.“

Robel Rusom Berhe,
Auszubildender

„Unter einem Anlagemechaniker konnte ich mir überhaupt nichts vorstellen“, erzählt er. „Ich wusste, dass Wasser aus dem Hahn kommt, wenn man ihn öffnet. Wie es hineinkommt, hatte ich mich nie gefragt.“

Einen klassischen Einstellungstest hat man ihm und den anderen ­Bewerbern nicht vorgelegt. „Das hätte auch wirklich nichts gebracht“, meint Matthias Haas, der das ENTEGA-Ausbildungszentrum leitet, „dafür waren die sprach­lichen Hürden anfangs noch zu hoch. Wir haben uns einfach unterhalten und ziemlich schnell gemerkt, dass die Chemie stimmt.“ Und für Robel ­Rusom Berhe stellte sich heraus, dass er auf seine Vorkenntnisse aus der Schule zurückgreifen konnte. Das Zeichnen lag ihm, einige Werkstoffe waren ihm vertraut. Nicht aber deren deutsche Bezeichnungen, versteht sich. Natürlich hatte er bereits Sprachkurse absolviert. Doch im Kanon der Goethe-Institute sucht man Begriffe wie Drosselrückschlagventil oder Betriebsverfassungs­gesetz wohl vergeblich.

„Ich kann gut vom Zuschauen lernen“, sagt Robel Rusom Berhe. „Ich sehe, was die Kollegen tun, und mache es nach.“ Erläuterungen zu folgen, fällt ihm hingegen noch schwer. Erst recht das Schreiben von Berichten oder das Anfertigen der Ausbildungsnachweise. Doch er hat einen kreativen Umgang mit der Herausforderung gefunden. „Irgendwann bin ich ins Lager gegangen“, sagt er, „und habe mit dem Handy alle Materialien zusammen mit ­ihrer Beschriftung foto­grafiert.“ Seitdem braucht er, wenn ihm das Wort zum Gerät fehlt oder auch umgekehrt, bloß rasch in der Bildergalerie seines Handys nachzusehen. ­Seine Lernbereitschaft zahlte sich aus. Robel Rusom Berhe konnte die EQ erfolgreich abschließen und gleich danach die eigentliche Ausbildung aufnehmen – gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen. Einer von ­ihnen wurde sogar direkt ins zweite Lehrjahr übernommen.

„Die EQ-Maßnahme sind für uns eine echte Erfolgsgeschichte.“

Matthias Haas,
Ausbildungsleiter

Die Erfolgsquote ist beachtlich

„Die EQ-Maßnahmen sind für uns eine echte Erfolgsgeschichte“, bilanziert Ausbildungsleiter Haas. Einer von fünf jungen Männern hatte die Maß­nahme vorzeitig abgebrochen, ein weiterer nach Ablauf des Jahres die nötige Ausbildungsreife nicht erreicht – dem stehen drei Absolventen gegenüber, die in die reguläre Berufsausbildung einsteigen konnten. Diese Quote ist für ­solche Qualifizierungsangebote vergleichsweise beachtlich. „Es war klar“, sagt Haas, „dass wir weitermachen.“

So startete im Herbst 2016 der nächste Jahrgang. Mit dabei ist der 25-jährige Abdul Quadir Shazad, der aus Afghanistan fliehen musste. Dort ­hatte er im Elektronikbetrieb eines Verwandten gearbeitet. Wie Robel Rusom Berhe kann auch Abdul Quadir Shazad auf seine früheren Erfahrungen zurückgreifen. „Ungefähr wie ein Fußballer, der auf Handball umschult“, meint Abdul Quadir Shazad, „ein gewisses Grundverständnis ist dabei.“ An der EQ-Maßnahme gefällt ihm, dass die Teilnehmer nicht nur im Ausbildungszentrum arbeiten, sondern auch mit „rausgehen“ können, auf der Baustelle Hand anlegen. Dass er erst seit zwei Jahren in Deutschland ist, mag man kaum glauben, wenn man ihm zuhört. Er profitiert von seinem ehrenamtlichen Deutschlehrer, einem pensionierten Ingenieur, den er einmal pro Woche trifft. Doch dort endet seine Lernfreude noch lange nicht. ­Parallel zur EQ-Maßnahme, die auch den Besuch der Berufsschule einschließt, geht Abdul Quadir Shazad aufs Abendgymnasium und strebt das Fachabitur an. Er traue Abdul Quadir Shazad und anderen jungen Geflüchteten noch einiges zu, sagt Aus­bildungsleiter Haas. „Manche werden durchaus studieren können. Wir möchten ihnen natürlich eine ­Perspektive in unserem Unternehmen bieten, schon allein, weil wir schließlich in die EQ-Maßnahme und die Ausbildung investieren. Nicht zuletzt ist das eine gute Möglichkeit, dem Fachkräftemangel zu begegnen.“ Einige Bewerber aus dem Kreis der Asylsuchenden brächten zudem fachlich interessante Bio­grafien mit, sagt Haas. Darunter seien zum Beispiel Menschen aus Afghanistan, die in ihrer Heimat als Techniker für ­Nato-Streitkräfte der ISAF-Mission ge­arbeitet haben. 

Das Angebot der EQ-Maßnahmen bei ENTEGA geht derweil ins dritte Jahr und hat sich inzwischen herumgesprochen. Nicht nur bei den Jobcentern, sondern auch in den verschiedenen zivilgesellschaftlichen Netzwerken, mit denen das Unternehmen Berührungspunkte hat, und die sich ihrerseits mit den zahlreichen Initiativen der Flüchtlingshilfe überschneiden. Da kommt es vor, dass auf Berufsmessen wie zum Beispiel bei der „Nacht der Ausbildung“ Betreuer mit ihren geflüchteten Schützlingen gezielt den ENTEGA-Messe­stand ansteuern. „Und da ist es toll“, freut sich Haas, „wenn unser Azubi ­Mansur aus Pakistan den Interessenten in deren Muttersprache Urdu unser Ausbildungsangebot erläutern kann.“

„Schritt für Schritt die Zusammenarbeit gestalten.“

Jörg Spangenberg,
Ausbilder

Freizeit und  Zukunftspläne

EQ und Abendschule – da bleibt wenig Zeit für Hobbys. Abdul Quadir Shazad kocht gern und spielt Volleyball; doch am liebsten würde er den ­Deutschen die Vor­züge des Krickets näherbringen.
Robel Rusom Berhe betreibt ebenfalls gern Sport, vor allem Laufen und Fußball. Auch im Job mag er nicht stehenbleiben – im Anschluss an die Ausbildung will er sich weiter­qualifizieren.

„Manche werden durchaus studieren können.“

Matthias Haas

Die Unternehmenskultur macht das Engagement glaubwürdig

Inzwischen engagieren sich mehrere Unternehmen aus der Region für die berufliche Integration geflüchteter Menschen. Die Industrie- und Handelskammer hat deshalb zwei sogenannte „Flüchtlingscoaches“ eingestellt und bietet Seminare für Ausbilder an. Denn während es in anderen Bereichen der Arbeit mit Geflüchteten Kurse für Engagierte rund um Fragen der interkulturellen Kommunikation, Aufenthaltsrecht und dergleichen gibt, mussten die Be­triebe hier zunächst einfach ins kalte Wasser springen.

„Learning by doing“, nennt das Jörg Spangenberg, der für die Ausbildung von Robel Rusom Berhe und Abdul Quadir Shazad verantwortlich ist. „Schritt für Schritt finden wir heraus, wie wir die Zusammenarbeit mit den Flüchtlingen am besten gestalten.“ So setzt sich Spangenberg beispielsweise einmal wöchentlich zum Jour fixe mit den EQ-Teilnehmern zusammen, um aufge­tretene Fragen und Herausforderungen zu besprechen. „Natürlich hat das meinen Arbeitsalltag verändert“, sagt Spangenberg. Schwierigkeiten und Konflikte kommen durchaus vor – aber das ist in Ausbildungsprozessen seit jeher der Fall, ganz gleich von wo die jungen Menschen stammen. 

Das Engagement ist insofern auch ein Stück kultureller Öffnung und einer von vielen Bausteinen der CSR-Strategie eines Unternehmens, das ohnehin dem gesellschaftlichen Wandel aufgeschlossen gegenübersteht. Schließlich befindet sich ENTEGA inmitten der grundlegenden Weiterentwicklung vom klassischen Energieversorger hin zur modernen Daseinsvorsorge, antizipiert Umwälzungen wie den Atomausstieg und die Digitalisierung und kann aus der reichen Unternehmensgeschichte heraus Tradition und Innovation in ­einen produktiven Ausgleich zueinander bringen. Auf lange Sicht trägt Corporate Social Responsibility nur dann Früchte, wenn sie sich in ­allen Belangen des unternehmerischen Handelns widerspiegelt. Dass etwa die ­ENTEGA-Stiftung mit den drei Preisen des „Darmstädter Impulses“ im Jahr 2017 Menschen und Projekte aus dem Bereich der Flüchtlingshilfe auszeichnet, wird durch das Engagement für die Berufsausbildung geflüchteter Menschen glaubwürdig untermauert. Auch die interne Unternehmenskultur, wo ENTEGA beispielsweise jüngst Coaching als Führungsinstrument implemen­tiert hat, setzt auf permanente Fortentwicklung – fachlich wie menschlich, technisch wie kulturell. 

Auf Fortentwicklung setzt auch Ausbildungsleiter Matthias Haas. Im laufenden Jahr plant er wieder damit, vier EQ-Teilnehmer ins Unternehmen übernehmen zu können, wobei die Einstiegsqualifikation mittlerweile auch zu weiteren Berufsausbildungen hinführt: Ein junger Mann strebt die Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik, ein anderer wird den Beruf des KfZ-­Mechatronikers erlernen. Abdul Quadir Shazad aus Afghanistan kann den Beginn der „richtigen“ Ausbildung am Ende seiner Einstiegsqualifikation kaum erwarten. Um sich noch besser vorzubereiten, wird er demnächst bei den Zwischenprüfungen seiner Kollegen hospitieren dürfen. Wo sie sich langfristig sehen, können er und Robel Rusom Berhe noch nicht sagen. Mit dem Einstieg bei ENETEGA ist für sie jetzt schon ein Traum in Erfüllung gegangen. „Das war wie von null auf hundert“, erinnert sich Robel Rusom Berhe. Wer wie er während des Asylverfahrens zu tatenlosem Warten verdammt war, genießt jeden Tag im Job. „Inzwischen ist ENTEGA mein zweites Zuhause. Ich bin einfach dankbar.“ Da ist wieder das Leuchten in seinen Augen. Für heute ist Feierabend. Aber morgen fliegen wieder die Funken. Und irgendwo da draußen warten noch ­viele sperrige Fachbegriffe, die es in die Fotogalerie seines Smartphones schaffen könnten.  

Klimaschutz – eine Grundhaltung

 

Klimaschutz spielt bei ENTEGA auch intern eine große Rolle: Unter der wortspielerischen Überschrift „­Betriebsklima- Schutz“ wird derzeit eine Unter­nehmenskultur ent­wickelt, die von gesundheitsfördernden Maßnahmen über Einzelcoaching und kollegiale Beratung bis hin zur Frauen­förderung konsequent auf die persönliche und fach­liche Weiterentwicklung des gesamten Personals setzt. 

Es geht weiter

Die Maschinen im ENTEGA-Ausbildungszentrum wollen bedient werden. Auch im laufenden Jahr werden wieder junge Menschen aus verschiedenen Ländern hier ihre Chance bekommen, in den Arbeitsmarkt einzusteigen.